Dr. Jörg Risse ist ein bekannter Wirtschaftsmediator. Auf seinem Schreibtisch landen großvolumige Fälle (Sozietät Baker McKenzie). Im Gespräch mit Dr. Sascha Weigel (INKOVEMA-Podcast) erzählt Jörg Risse über Mediationen rund um einen Kraftwerksbau im Ruhrgebiet oder über einen Produkthaftungsfall. Es geht um Vertrauensverlust und Frustration, es geht um Millionen. Am Ende steht meistens „ein zähneknirschend akzeptierter Kompromiss“, so Wirtschaftsmediator Risse.

INKOVEMA-Podcast Leipzig

INKOVEMA-Podcast „Gut durch die Zeit“ gewährt interessante Einblicke in die Arbeit des Wirtschaftsmediators. Diesen neuen Podcast über Mediation und Konflikt-Coaching gründete Sascha Weigel (INKOVEMA Leipzig) im Juni 2020. Der Rechtsanwalt und Mediator bringt Erfahrung in Sachen Radio-Moderation mit, da er die Sendung „Auf die Zwölf“ (detektor.fm) begleitet.

Interessante Aspekte des aktuellen Beitrags:

Principal-Agent-Problem: Abschlussbevollmächtigten benennen

Bei den Wirtschaftsmediationen von Jörg Risse handelt es sich meist um Aktiengesellschaften oder GmbHs. Dies bringt ein spezielles Problem, das Principal-Agent-Problem. Denn wer ist Abschlussbevollmächtigter? Ein Vorstandsvertreter, Prokurist oder Geschäftsführer? Das Problem: Manchmal habe der Vorstand eine andere Agenda als die Aktiengesellschaft. Auch die Sorge um Boni-Zahlungen könne mitschwingen. Risse: „Ich spreche es immer sehr offen an und es steht sogar häufig in meiner Mediationsvereinbarung, dass die Parteien sicherstellen, dass ein Abschlussbevollmächtigter an sämtlichen Mediationssitzungen und Telefonaten teilnimmt“ – und damit eine „Autorität“, die innerhalb des Unternehmens das Mediationsergebnis durchsetzen könne.

Verantwortungsscheu: Wer unterschreibt Millionenforderung?

Das Problem „Verantwortungsscheu“ zieht sich durch die gesamte Mediation. Nach Risses Erfahrungen tun sich die Parteien „sehr schwer“, die Verantwortung für einen Vergleichsabschluss zu übernehmen. Denn es geht um viel Geld. „Stellen Sie sich einen Projektleiter vor, bei einem Kraftwerksprojekt, der konfrontiert ist mit einer Mehrkostenforderung von 10 Millionen“, erläutert Risse. „Wenn dieser Projektleiter den Scheck unterschreibt und sagt, die Baufirma kriegt zusätzlich 10 Millionen Euro, dann verantwortet das konkret dieser Projektleiter.“ Das könne Boni-Leistungen oder seine Karriere gefährden. Auch eine zivilrechtliche Haftung könne nicht ausgeschlossen werden. In dieser „Gemengelage“ sei es einfacher, die Entscheidung an Richter oder Schiedsrichter abzugeben. „Auf den kann man ja hinterher kräftig schimpfen.“
Moderator Sascha Weigel, der beruflich auch Wirtschaftsmediationen begleitet, sieht in dieser „Verantwortungsscheu“ einen Grund, warum die Mediation als Konfliktbearbeitungsverfahren allzu selten genutzt werde.

Paradoxie: Jahrelanges Gerichtsverfahren begünstigt Mediation

Statistisch betrachtet, werden laut Risse 60 Prozent der Streitigkeiten über einer Million verglichen. „Und wissen Sie, wann die verglichen werden? In fünf Jahren auf den Stufen des Oberlandesgerichts.“ Die Fakten hätten sich zwischenzeitlich nicht geändert. „Sie können sich in einer Woche mit mir einigen oder in zwei Tagen. Und dann sparen Sie sich fünf Jahre Diskussionen in Ihrem Unternehmen, fünf Jahre vierteljährliche Berichte an den Aufsichtsrat, fünf Jahre monatliche Rechnungen von Anwaltskanzleien.“
Für Moderator Sascha Weigel ist es eine „Paradoxie“, dass gerade diese fünf Jahre vor Gericht als Begründung herangezogen würden, es mit einer Mediation zu probieren. Bliebe das Leiden innerhalb der Organisation in diesen fünf Jahren keine „unerzählte Geschichte“, wären viele schon anfangs viel offener für eine Mediation.

Weitere Aspekte: Stühle tauschen der Rechtsanwälte – Verlassen des „mediatorischen Paradieses“ – Mediator aus intellektueller Neugier usw.

Quelle: Transkript und INKOVEMA-Podcast „Gut durch die Zeit“ zum Thema Wirtschaftsmediation!