Die Geschichte der Mediation ist ein spannendes Forschungsfeld und dies gilt besonders für Marc Hermann. Aus ihm spricht die Begeisterung, wenn er über das umfassende Quellenstudium für seine Doktorarbeit berichtet.
Ein Fazit vorab: Das „Hybridmuster“ der Mediation zieht sich wie ein roter Faden durch die Quellen, was wir heute als Mediation-Arbitration (Med-Arb), Arbitration-Mediation (Arb-Med) oder Mediation-Window bezeichnen würden.

Wie schwierig war die Recherchearbeit in Coronazeiten?
Hermann: Ich hatte schon vor Corona einen großen Quellenfundus angelegt, aus Recherche-Aufenthalten und Urlauben beispielsweise Koffer an Büchern und Kopien mitgebracht. Ich bin schon immer ein Geschichtsfreak gewesen. Die Leidenschaft, speziell die Geschichte der Mediation vom Altertum über die mittelalterliche Geschichte bis in die frühe Neuzeit zu ergründen, hat mich 2013 bei meinem Masterstudium an der Fernuni Hagen gepackt und nicht mehr losgelassen. Ja, die Geschichte der Mediation ist ein weites Feld auf dem Früchte wachsen, die zuweilen süchtig machen können.

Foto: Marc-A. Nicolas Hermann, Masterstudium Mediation an der Fern-Universität Hagen, Absolvent „Program on Negotiation“ an der Harvard Law School.

Mit Ihrer Forschungsarbeit zur Geschichte der Mediation betreten Sie Neuland?
Hermann: Zumindest in Teilen. Die Forschungsarbeit ähnelt ein wenig dem Goldschürfen. Man muss eine Menge an Material waschen, um „Nuggets“ zu finden. Der größte Freund und zugleich größte Feind der Geschichte der Mediation ist die Quellenlage. Mediation bedeutet Vertraulichkeit und hinterlässt vergleichsweise wenige schriftliche Spuren. Abmachungen und Verträge fixieren die getroffene Vereinbarung, aber eher selten deren Zustandekommen.
Es ist jedoch spannend und faszinierend, sich mit den unterschiedlichsten Quellenarten, wie etwa Papyri, Ostraka, Inschriften, Sagas oder Amtsbüchern, zu beschäftigen und diese auf zeit- und ortsübergreifende mediative Muster zu untersuchen. Zu diesem Zweck habe ich mich interdisziplinär auch mit Experten der jeweiligen Fachbereiche ausgetauscht und vor Ort recherchiert. Zuletzt, kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie, im Frühjahr 2020 in den Bodleian Libraries der University of Oxford.

Welche Erkenntnisse ergeben sich für Ihre Doktorarbeit?
Hermann: Der rote Faden der zeit- und ortsübergreifenden mediativen Muster ist hybrider Natur. Eine „sterile“ Mediation, die unserem modernen Mediationsverständnis entspricht, ist daher kaum zu finden. Die frühen Verfahrensformen lassen sich eher als mediative Stufen- und Hybridverfahren, wie etwa Mediation-Arbitration, Arbitration-Mediation oder als Mediation-Window ausdeuten. Zur Auswertung und Deutung der Quellen habe ich mich daher, ähnlich wie es in der Forschung im UK und den USA verbreitet ist, auf hybride Interpretations- und Sichtweisen eingelassen, um die Verfahrensvielfalt besser begreifen und einordnen zu können.
Es besticht die Eleganz und Geschicklichkeit, mit der historische Mediatorenpersönlichkeiten und Konfliktparteien, teilweise auch begünstigt durch „mediationsfreundliche“ gesetzliche Regelungen, zwischen gerichtlichen und außergerichtlichen sowie zwischen mediativen und schiedsgerichtlichen hybriden Formen der Konfliktbearbeitung wechseln konnten. Die in Quellen überlieferten Praxiserfahrungen können hier auch interessante neue Impulse für Systemdesignprozesse der Zukunft bieten.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Geschichte mediativer Methoden und Tools. So verwendete etwa der elsässische Pfarrer und Sozialreformer Jean-Frédéric Oberlin schon im 18. Jahrhundert ein sogenanntes „Tableau de Réconciliation,“ das stark der modernen Technik des Perspektivenwechsels ähnelt.

Die „hybride Natur“ ist eine alte und zugleich aktuelle Erkenntnis, denn die renommierte Harvard Law School betonte erst kürzlich die Vorzüge von Mediation-Arbitration. Bedeutet dies, dass die historischen Quellen diese Experteneinschätzungen stärken?
Hermann: Ja und dies zeigt, wie dringend Mediation die Erforschung ihrer eigenen Geschichte sowie eine Intensivierung des interdisziplinären und internationalen Austauschs benötigt. Nur so kann das Wesen der Mediation besser verstanden und Diskussionen über die Zukunft der Mediation um Erfahrungswerte der Vergangenheit ergänzt werden.

Wann beginnt die Geschichte der Mediation?
Hermann: Gute Frage, denn Vorformen einer triadischen Konfliktbearbeitung im Sinne einer „Protomediation“ finden sich beispielsweise auch bei höheren Primaten, was möglicherweise auch zur Entstehung mediativer Muster beim Menschen beigetragen haben könnte. Für den Beginn einer Geschichte der Mediation lassen sich mangels überlieferter schriftlicher Quellen aus der Alt- und Jungsteinzeit nur äußerst begrenzt und vage Rückschlüsse auf frühe Formen menschlicher Konfliktbearbeitung ziehen. Dies ändert sich dann mit den mediterran-vorderasiatischen Kulturen …
Man könnte mit Blick auf die Geschichte der Mediation auch von einer Form kulturellen Lernens sprechen, die zweifelsohne einen ihrer Höhepunkte in der klassischen Periode Griechenlands hatte, wobei in diesem Kontext auch die demokratiefördernden Eigenschaften mediativer Muster nicht unerwähnt bleiben sollen.

Demokratische Strukturen förderten die Mediation?
Hermann: Ja, auch das ist eine wichtige Hypothese meiner Arbeit: Protodemokratische Strukturen, wie etwa im klassischen Athen oder dem isländischen Freistaat zur Sagazeit, aber auch der egalitäre Charakter der Gründungsphase der englischen Kolonien in Nordamerika erwiesen sich als ein guter Nährboden für mediative Strukturen, wobei auch einzelne Mediatorenpersönlichkeiten eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten. Heute sind hybride Mediationsformen in den USA sehr verbreitet.

Wird die Geschichte der Mediation stark von Persönlichkeiten geprägt?
Hermann: Ja, sie reicht von bekannten historischen Persönlichkeiten wie Elisabeth I. oder Alvise Contarini bis hin zu den Bemühungen unbekannter Personen, deren Wirken man durch das Quellenstudium erschließen kann. Über weite Zeiträume in der Geschichte galt die Vermittlung in Konflikten als prestigeträchtig und ehrenvoll, unabhängig davon, ob es sich um die Vermittlung in zwischendynastischen Konflikten oder in alltäglichen Streitigkeiten innerhalb der Bevölkerung handelte. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Bemühungen und Verdienste weiblicher Vermittler.

Welche Konflikte finden sich in den Quellen?
Hermann: Die Anwendungsfelder für mediative Formen der Konfliktbearbeitung sind vielfältiger Natur. Häufig berichten die Quellen jedoch zeit- und ortsübergreifend von Erbfällen, Konflikten um Grenzverläufe bei landwirtschaftlichen Flächen oder Streitigkeiten um Geldschulden – insbesondere auf lokaler Ebene. So hatten etwa Dorfgemeinschaften mit komplexen Beziehungsgeflechten in der Regel ein großes Interesse an friedlichen Einigungen zwischen den Bewohnern.

Was lehrt die Vergangenheit für die Zukunft?
Hermann: Hybride mediative Strukturen sind zeit- und ortsübergreifend zu finden und dienten nicht selten als eine natürliche Ergänzung zum Gerichtsverfahren und sollten auch zukünftig als solche angesehen und weiter gestärkt werden. Es wäre daher wünschenswert, wenn Stufen- und Hybridverfahren stärker in den Fokus einer mediationsinteressierten Öffentlichkeit gerückt werden könnten, da sich diese zeit- und ortsübergreifend in zahlreichen Erscheinungsformen bewährt haben und somit auch wertvolle Impulse für Systemdesignprozesse der Zukunft geben können.

Vielen Dank! Das Gespräch führte Irene Seidel.

Veröffentlichungen:
Marc-A. Nicolas Hermann: „Einigung auf Papyrus: Erbschaftssachen im späten Rom“, Jahrbuch Mediation 2019/2020, „Wo die Mediation lebt“, Hagener Wissenschaftsverlag 2018.
Marc-A. Nicolas Hermann: Mediative Elemente in den Isländersagas – Meilensteine eines gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses, Jahrbuch Mediation 2018, Harte Zahlen – weicher Kern“, Hagener Wissenschaftsverlag 2018.
Marc-A. Nicolas Hermann: Der Ausgleichsgedanke im alten Ägypten – Eine harmonistische „Konfliktideologie“?, Jahrbuch Mediation 2018, Harte Zahlen – weicher Kern“, Hagener Wissenschaftsverlag 2018.
Marc-A. Nicolas Hermann: “Historie: Pax optima rerum – Zum 420. Geburtstag von Alvise Contarini“, MEDIATOR 1/2017 (S. 24-27).
Marc-A. Nicolas Hermann: An Interview with Robert H. Mnookin, Zeitschrift für Konfliktmanagement (ZKM) 3/2015 (S. 93-95).
Katie Shonk: “What is Med-Arb? The pros and cons of med-arb, a little-known alternative dispute resolution process”, Program on Negotiation at Harvard Law School, Juli 2021.